In der Nacht in unserem ersten Camp, kann ich so gut wie gar nicht schlafen, Ashley dagegen ist schnell in Morpheus Armen versunken. Zur Geisterstunde hallen laute Schreie über das Plateau, die mich bis ins Mark erschüttern. „Affen“, schießt es mir durch den Kopf, und kurze Zeit später sehe ich durch die Zeltwand den Schatten der Tiere, wie sie an unserem Platz vorbeilaufen. Ich komme mir ein wenig vor, wie in dem Film „Planet der Affen“. Ich gehe in Gedanken die Möglichkeiten der Verteidigung durch, wenn die Primaten versuchen würden, den Reißverschluss des Zeltes aufzumachen. Im Nachhinein betrachtet, bin ich bei diesen doch recht unsinnigen Überlegungen wieder eingeschlafen, wahrscheinlich war mir auch einfach keine gute Strategie eingefallen.
Am nächsten Morgen bin ich um fünf Uhr endgültig hellwach – auf Isomatratzen zu schlafen liegt mir nicht so sehr, ist eine der ersten Erkenntnissen unserer Tour. Ich lasse Ashley noch ein wenig schlafen und mache mich in der beginnenden Morgendämmerung auf den Weg durch das Camp. Nach ein paar Metern halte ich jedoch bereits inne. Ein großer Blauaffe sitzt nur zwei Meter entfernt von mir im Baum und schaut mich skeptisch an. Aus dem Tal hallen weitere Rufe, die der Primat beantwortet, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Einige Momente später scheint das Interesse des Affen an mir jedoch erloschen zu sein und er verschwindet behende, innerhalb von Sekunden im Blätterdach. Auch die Rufe aus dem Tal sind mittlerweile verhallt, und so mache ich mich auf, Ashley zu wecken. Unser Kellner Innosence ist auch bereits aufgewacht und bringt uns neben Tee auch Hafergrütze, Eier, Toast, Pfannkuchen und Früchte. Bei mir hatten sich des Nachts bereits Bauchschmerzen eingestellt, darum bekomme ich nur wenig runter, Ashley hingegen hat einen recht gesegneten Appetit.
Nach dem Frühstück packen wir die Sachen zusammen, während Sanga einen kurzen Gesundheitscheck macht. Vor allem der Sauerstoffgehalt ist ein wichtiges Kriterium, ob es weitergehen darf oder nicht. Liegt er bei 60!, ordnen die Guides den Rückzug an. Für alle, die jetzt die Zahl ungläubig zweimal lesen: Je höher man sich befindet, umso stärker sinkt der Sauerstoffgehalt, meiner liegt heute bei 93, der von Sanga bei 88, also kann ich zufrieden sein, Ashleys Wert liegt sogar bei 94.
Der heutige Tag soll nach Sangas Angaben der anstrengendste werden. „Wir werden den Rücken des Elefanten besteigen“, verrät er. Ashley und ich realisieren dabei, dass sich unsere monatelange Vorbereitungen bezahlt gemacht haben, denn keiner von uns beiden hat bisher Muskelkater.
Nun geht es los. Auch heute verschlingt uns der Dschungel bereits nach wenigen Metern. Mir bereitet jedoch nach einiger Zeit jeder Schritt Bauchschmerzen, denn ich konnte bereits seit zwei Tagen nicht mehr auf die Toilette; ob es die Essensumstellung oder die Luftveränderung ist, kann ich nicht sagen.
Nach knapp einem Kilometer fängt der Dschungel sich an zu lichten, wir sehen den Himmel, und auch die Vegetation ändert sich. In der Ferne erscheint ein langgezogener Felsenkamm, „der Rücken des Elefanten“, erklärt Sanga. Und genauso sieht dieser Felsenkamm aus. Zuerst geht es steil am Schwanz des Elefanten hinauf zum Rücken, der sich dann nach noch einmal zum Kopf des Tieres erhebt.
„Pole, pole“, ermahnt uns Isaak, also „langsam, lamgsam“. Während wir uns nach oben quälen, eine Steigung von knapp 90 Grad, die nur durch in den Stein gehauene Treppen zu überwinden ist, belohnt uns zwischendurch die Anstrengung immer wieder mit atemberaubenden Aussichten über den Urwald.
Bedingt durch den schlechten Schlaf und die anhaltenden Bauchschmerzen, muss ich heute Ashley häufiger bitten, gemeinsam mit mir eine kurze Pause einzulegen. Die beiden Guides ermahnen uns zu trinken, was uns beiden jedoch schwerfällt. Fünf Stunden sollte die knapp acht Kilometer lange Strecke dauern, wir sind nach vier Stunden jedoch erst bei der Hälfte angelangt. „Pole, pole“, versichern uns Sanga und Issak, es sei besser langsamer, als zu schnell zu gehen.
Mittlerweile haben wir den Kopf des Elefanten erreicht und sind auf knapp 3800 Metern Höhe, ein Anstieg also seit dem Morgen von über 1500 Metern. Die Gespräche werden zwischen uns mittlerweile kürzer und auch in Ashleys Augen sehe ich, dass sie sich nur noch nach dem Ende des Tages sehnt, allerdings kommt keine Beschwerde über ihre Lippen. Stattdessen hat sie Freude daran gefunden, sich mit Dreck das Gesicht einzureiben, nachdem Sanga ihr berichtet hat, dass in der Nähe ein Volksstamm lebt, der sich die Gesichter einfärbt. Nachdem er nun ihre Markierungen im Gesicht sieht, hat er die Idee eines neuen Stammnamens: „Kiliash“.
Nach einer Biegung, es ist bereits 16 Uhr, kommen uns unser Koch und unser Kellner entgegen, sie hatten uns im Camp bereits um die Mittagszeit erwartet und das Essen zubereitet. Frei nach dem Motto, wenn der Wanderer nicht zum Koch kommt, muss dieser eben zum Wanderer eilen, haben die beiden Teller und Behälter dabei, in denen das Mittagessen auf uns wartet.
Wir zögern nicht lange und lassen uns einfach an der Stelle fallen, an der wir sind. Von dem lecker zubereiteten Essen, Hühnchen und Kartoffeln, schaffen wir beide, zur Enttäuschung des Kochs, zwar nur wenig. Die Pause aber tut uns gut.
Wir sind mittlerweile in einer Höhe angekommen, in der die Sonne unbarmherzig brennt. Also schnell noch einmal uns beide eingecremt, und dann geht es weiter. Der Weg windet sich, während wir an einem Baum auf einmal in knapp zwei Meter Höhe einen Termitenbau entdecken, auch kreisen über uns zwei Adler. „So wie ich mich fühle, könnten es auch Aasgeier sein“, denke ich bei mir, während ich angestrengt nach vorne blicke. „In zwei Kilometern sind wir da“, unterbricht Sanga die Stille und deutet auf das Camp, das sich aus der offenen Moorlandschaft, in der wir uns nun befinden, emporhebt.
Glücklicherweise geht es nun auch ein wenig bergab, wir rutschen sozusagen den Rüssel des Dickhäuters herunter und kommen erschöpft und mit Kopf- und Bauchschmerzen im Camp an. Auch wenn der Koch uns darum bittet, etwas zu essen, schaffen wir es nicht. Wir genießen den majestätischen Anblick des Kilimandscharogipfels an dessen Fuß wir nun angekommen sind, und schlafen vor 19 Uhr bereits ein.
 

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